Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch

Manchmal vergeht die Zeit und man merkt gar nicht, was sich in den letzten Jahren alles geändert hat. Ich kann mich gut an die Wochenenden in meiner Jugend erinnern. Damals hatten wir unendlich viel Zeit. Wir gingen um 20 Uhr in den Ausgang mit dem Velo oder dem Mofa und trafen uns mit unseren Kollegen. Kritisch wurde es erst jeweils um Mitternacht, dann schlossen die letzten Restaurants, fuhren die letzten Busse oder Züge und entleerten sich die Strassen. Man musste sich entscheiden, ob man zur Zeit nach Hause kommen wollte oder den Augenblick noch geniessen und dann eben zu Fuss oder sich mit dem Fahrrad nach Hause quälen wollte. Unglaublich und doch noch keine 25 Jahre her! Zu dieser Zeit waren am Sonntag jeweils alle Läden geschlossen und auch an Tankstellen konnte man weder Bier, Brot, Milch noch Eier kaufen. Es herrschte einfach Ruhe...

 

Tempi passati! Unsere Umgebung hat sich mittlerweile in eine 24/7-Gesellschaft verwandelt. Heute kann ich jeden Tag zu jeder Zeit irgendwo etwas kaufen oder hingehen, dann wann es mir gerade passt. Imbissbuden, Pubs und Bars sind bis tief in die Nacht geöffnet und Alkohol und Essen ist jederzeit mehr oder weniger verfügbar. Das hat auch einen grossen Einfluss auf das Ausgehverhalten der jungen Generation von heute. Endete der Samstagabendausgang früher um 00.30 Uhr, so hat dieser bei den Jugendlichen von heute gerade eben begonnen und dauert bis 4 oder 5 Uhr morgens früh. Kein Wunder verspüren diese am Sonntagmorgen keine Lust mehr, um 9 Uhr in einen Gottesdienst gehen zu wollen.


Man mag den Kopf über solch jugendliches Verhalten schütteln, aber letztlich ist es nichts anderes als ein überdeutlicher Ausdruck, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat. Gab es zur Zeit meiner Grossmutter am Sonntagmorgen nicht viel anderes als den Sonntagsgottesdienst, so haben die Menschen heute eine viel grössere Auswahl an Möglichkeiten: Sie können in den Fitnessclub gehen, in der stylischen Suteria gemütlich frühstücken, wellnessen, Freunde treffen, ins Kino gehen, zu Hause sich im Bett räkeln oder aber einen Gottesdienst besuchen. Die letzte Möglichkeit wird aber immer unwahrscheinlicher, weil gleichzeitig die Zahl der Menschen, welche in einer christlichen Umgebung aufwachsen, stark abnimmt. Die meisten Menschen heute haben keine oder eher schlechte Erfahrungen mit Kirche, Gott und Gottesdienst gemacht.

Die Gesellschaft hat sie auch nicht ermutigt, nach Erfahrungen in der Kirche zu suchen. Ihre Vorstellung von Kirche, Gott und Gottesdienst haben sie von Serien, Filmen und Zeitungsartikeln. Dieses Bild ist nicht gerade einladend und so haben die modernen Menschen heute kaum einen Grund in den Gottesdienst zu gehen. Zu starr sind die Zeiten eines Gottesdienstes für eine Gesellschaft, die den Individualismus betont, zu gering sind die Erwartungen an den Gottesdienst, zu negativ das Image. Die Zahlen belegen diesen Wandel eindrücklich: So besuchten noch 65% der Kriegsgeneration regelmässig einen Gottesdienst am Sonntag, bei den Babyboomern (Jahrgänge 1950-1965) besuchten noch 35% regelmässig einen Gottesdienst, bei den Babybustern der Generation X (Jahrgänge 1966- 1980) sind es noch 15% und bei der Generation Y (ab 1981) noch gerade 6%. Viele Menschen verstehen heute schlicht und einfach nicht mehr, was der Gottesdienst soll.


Hat der Gottesdienst seinen Sinn verloren? Auf keinen Fall. Aber die Menschen müssen erst den Sinn dafür wieder entdecken und umgekehrt müssen wir wieder entdecken, was Menschen suchen. Im ersten Buch der Bibel sagt Gott über den Menschen, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei. Diese Aussage ist bis heute wahr geblieben. Noch immer haben Menschen um uns einen tiefen Hunger nach echter Gemeinschaft, nach bedeutungsvollen Beziehungen und nach wahrer Freundschaft. Daran hat sich auch heute noch nichts geändert. Wenn Kirche oder Gottesdienst das anbieten können, dann kommen auch die Menschen.